EINFACH NUR LAUFEN LASSEN. Alles dem Spiel der natürlichen Kräfte überlassen. Keine strenge Ordnung, keine fixen Regeln, keine Dogmen. Die Franzosen nennen das Laissez-faire, was soviel bedeutet wie einfach nur laufen lassen. Laissez-faire ist in viele Bereiche des Lebens eingedrungen. Im 19. Jahrhundert als Wirtschaftsmodell ebenso bejubelt wie verteufelt wurde der Grundgedanke einer möglichst freien Entwicklung später in der Pädagogik zum Inbegriff der antiautoritären Erziehung. Sogar Manager priesen Laissez-faire lange Zeit als idealen Führungsstil, um die Eigenverantwortlichkeit der Mitarbeiter zu fördern. Laissez-faire als Gegenteil zu einem dogmatischen Weltbild - für die einen faszinierend, für andere brandgefährlich. Und was hat das alles mit Weinbau zu tun? Gibt es womöglich auch dort ein Laissez-faire? Einfach laufen lassen? Ist das bloß eine neue Modeerscheinung oder Ausdruck einer önologischen Neuorientierung? Erziehung - dieser Begriff existiert nicht nur im Umgang mit Kindern. Auch Rebstöcke wollen erzogen werden, auch im Weinbau spricht man von Erziehung. Doch wie weit soll der Mensch dabei eingreifen? Ist ein guter Wein das Resultat rigoros eingehaltener Grundregeln? Oder haben nicht all zu viele Dogmen und komplizierte Techniken nicht selten zu eher profillosen Ergebnissen geführt? Jedenfalls kann aus diesem Spannungsfeld eine völlig neue Grundhaltung entstehen: Dem Weingarten Trauben mit einem Maximum an Charakter und Finesse abringen, in den Fässern jedoch sollen sich die Weine dann völlig frei entfalten. Der Wein gärt bis an seine eigenen Grenzen, ganz spontan. Keine Keller-Orgien: Die Weine werden in Ruhe gelassen. So erlangen sie ihr inneres Gleichgewicht.

Nein, es ist kein Zufall, dass ich einen meiner Weine Laissez-Faire genannt habe. Es ist eine ausgesprochen eigenwillige Kreation geworden - im positiven Sinne. Und das ist gut so. Ein Wein, der meine Einstellung zum Weinmachen widerspiegelt.

Zum ersten Mal ist es mir aber nicht nur um den Wein an sich gegangen. Sondern auch um die Beantwortung der grossen Frage, was besser ist: das strenge Diktat oder einfach nur laufen lassen.

Die Antwort hab ich in Flaschen gefüllt.